Nackt im Café

Ich betrat mein Lieblingscafé wie gewohnt um 15.00 Uhr und hatte gerade Platz genommen, als mich die Bedienungskraft darauf hinwies, dass ich nackt sei.
Ich weiß, entgegnete ich, und erläuterte, dass wir uns ja hier auch in einem Traum befänden und da sei Nacktsein nun einmal nicht unüblich. Es sei, so klärte ich die mutmaßliche Studentin auf, ein Zeichen für Schutzlosigkeit. Ich sei allem schutzlos ausgeliefert und dafür erfindet der Traum nun einmal die Metapher “Nackt sein”. Das sei etwas sehr archetypisches und komme immer wieder vor.Sie und auch der Rest der Gäste, denen die kurze Konversation aufgefallen war, starrten mich ungläubig an, aber da darf man dann nicht irritiert sein, sondern muss sofort auf Normalität umschalten. Ein Milchkaffee bitte und ein Tellerchen mit Gebäck. Zack. Einfach bestellen und so tun, als ob alles in Ordnung ist. Was es ja, nebenbei gesagt, auch war.
Den im Gesicht ablesbaren Protest erstickte ich schon im Keim mit dem Hinweis, dass ich eilig habe und gleich zu meinem Anwalt müsste. Das Ansehen der Anwälte ist zwar nicht mehr so wie früher, aber es reichte zunächst aus, damit sie die Bestellung aufnahm. Allerdings insistierte sie dann beim Bedienen erneut darauf, dass es kein Traum sei und ich mich besser bedecken solle. Jetzt reichte es mir aber. Erstens, blaffte (ein sehr schönes Wort) ich sie an, sei dies sehr wohl ein Traum, denn sonst würde ich ja hier wohl nicht nackt sitzen. Und zweitens würde ich, wenn sie mich nun endlich in Ruhe meine Kaffee trinken ließe, mich entgegenkommender Weise in Schweigen hüllen. Das müsse reichen. Es reichte, sie gab auf und nahm ab sofort keinerlei Notiz mehr von mir. Und da die Gäste in der Folgezeit ihrem guten Beispiel folgten, ging der Cafébesuch unbehelligt und gesittet zu Ende. Anschließend ging ich nach Hause, schaute noch ein wenig fern und schlief im Bett alsbald ein.
Am nächsten Tag erwachte ich wie gewohnt und überlegte beim Frühstück, ob das mit dem Traum wirklich gestimmt hatte. Denn auch das ist das Wesen von Träumen, dass man mittendrin nicht immer weiß, ob man tatsächlich träumt. Und bei aller Gewissheit, man kann sich letztlich doch nicht sicher sein.
Mir war der Sinn nach Überprüfung und also machte ich mich auf den Weg zum Café und fragte dort nach der Bedienung von gestern. Nachdem ich sie beschrieben hatte, sagte man mir, dass die nicht mehr da sei. Sie habe Knall auf Fall gekündigt, habe ihr Studium geschmissen und sei mit unbekanntem Ziel verschwunden. Etwas Seltsames müsse gestern passiert sein, teilte man mir mit. Sie habe wie hypnotisiert irgendetwas von Träumen und Verwirklichung gestammelt und dass es an der Zeit sei zu gehen. Nein, eine Adresse habe sie wirklich nicht hinterlassen. Aber ich könnte meinen Milchkaffe auch ganz normal bei der neuen Bedienung bestellen.
Das wollte ich jedoch nicht und ging.

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